Wie der Damsdorfer Waldsee entstand

 

In der Mitte der Ortschaft Damsdorf liegt, umgeben von Häusern, Höfen und Straßen, ein kleines Waldstück, das ein Gewässer beherbergt. Für einen Teich ist es zu groß, für einen See zu klein. Es heißt „Die Fenne“ und wird von Anglern und im Sommer meist von Kindern zum Baden genutzt. Ein romantisches Fleckchen in scheinbar unberührter Natur. Das Gewässer ist nicht natürlichen Ursprungs, und was es damit auf sich hat, soll hier berichtet werden.

Vor Zeiten, als es noch keine Wasserleitungen gab, hatte jeder Hof in Damsdorf, wie auch anderswo, seinen eigenen Brunnen. Der versorgte Mensch und Tier sommers wie winters mit frischem Wasser. Wenn der Sommer aber heiß und lang war, konnte schon mal der eine oder andere Brunnen versiegen.

Und so setzten sich die Damsdorfer, als wieder einmal der Sommer kein Ende nehmen wollte, eines Tages zusammen und berieten, was sie wohl dagegen tun konnten. Schnell wurden sie sich einig, dass nur ein großer Wasserspeicher das Dorf zuverlässig über die heiße Jahreszeit zu bringen vermochte. Doch über das Wo und Wie redeten sie ergebnislos, gingen erst spät in der Nacht auseinander und waren so schlau wie zuvor.

Auch der Bauer Berz, der beim Rat das große Wort geführt hatte, schritt eilig dem heimischen Hofe zu, was jedoch nicht ganz einfach war, denn der Himmel zeigte sich wolkenverhangen, und seine Laterne spendete nur wenig Licht. Während des Laufens sann er noch über den Wasserspeicher nach. Als der Bauer schließlich fast zu Hause war und nur noch ein kleines Waldstück zu durchqueren hatte, riss die Wolkendecke auf, der Mond kam hervor und überschüttete die vor ihm liegende Lichtung mit seinen silbrigen Strahlen.

‚Das wäre der richtige Platz für unser Vorhaben’, dachte da der Bauer. Aber wie und wann sollten sie es anstellen? Ein Loch von dieser Größe zu graben würde Wochen dauern. Dafür hatten die Bauern sommers keine Zeit, und winters war der Boden hartgefroren. Außerdem musste der Speicher, wenn er das Wasser halten sollte, eine Ton- oder Lehmschicht als Boden haben. Doch irgendwie würden sie es schon schaffen, dachte der Bauer, und unwillkürlich entfuhr ihm der Spruch, den er gern bei allen möglichen Gelegenheiten von sich gab:

„Das müsste doch mit dem Teufel zugehen!“

Da krachte es fürchterlich, Flammen schlugen vor ihm aus der Erde, und eingehüllt in eine übel riechende Wolke aus Pech und Schwefel  fuhr der Leibhaftige vor ihm aus dem Boden.

„Na, Bauer“, sprach ihn der Teufel an, „was willst du denn?“

Nun war der Bauer Berz nicht nur ein unerschrockener, kräftiger Kerl sondern auch nicht auf den Kopf gefallen. Und so ergriff er die Gelegenheit beim Schopfe und erwiderte keck:

„Einen See, genau hier an dieser Stelle, damit er das Wasser für das Dorf speichere und wir im Sommer nicht dürsten müssen.“

„Wenn’s weiter nichts ist“, meinte der Teufel. „Das soll mir keine Mühe machen. Und was willst du dafür geben?“

Da druckste der Bauer herum. Wie er wusste, war der Gehörnte hinter jeder Seele her, doch seine Seele wollte er für das Wasser nicht verkaufen. So begann er mit dem Teufel zu handeln und bot ihm mal mehrere Fässer Bier, mal etliche Zentner Kartoffeln und dann wieder ein paar Stück Vieh, bis es dem Teufel zu dumm wurde und er sagte:

„Wenn du den Speicher und das Wasser so nötig brauchst, sollst du auch ordentlich dafür zahlen. Ihr gebt mir auf zehn Jahre jeweils den zehnten Teil eurer Ernte und damit hat es sich. Schlag ein!“ Und er streckte ihm seine Hand entgegen. Dem Bauer schien die Forderung recht unbillig, denn nach zehn Jahren, so hatte er im rasch Kopf überschlagen, würden sie dem Teufel dann insgesamt eine ganze Jahresernte bezahlt haben, und Damsdorf fuhr immer gute Ernten ein. Eine innere Stimme jedoch sagte ihm, wenn er dem Teufel weiter Widerwort geben würde, wäre der alsbald verschwunden. So schlug er ein und hatte von Stund an ein Feuermal auf der Innenseite der rechten Hand.

„Eine Bedingung habe ich dabei“, sagte er. „Bevor der Handel gelten soll, versuchen wir den Speicher, und wenn er bis weit in den Altweibersommer hinein das Wasser hält, sollst du deinen Lohn haben. Läuft das Wasser jedoch hinaus, gehst du leer aus.“

Der Teufel schnaufte nur verächtlich und war es zufrieden.

Die folgenden Nächte arbeitete der Teufel auf der Lichtung, dass es nur so eine Art hatte. Aus dem Wäldchen drang Lärm und Gestank bis in alle Ecken des Dorfes, und manch einer wiegte bedenklich seinen Kopf, ob es denn auch richtig gewesen war, worauf sie sich eingelassen hatten, denn der Bauer Berz hatte ihnen gleich am nächsten Tag reinen Wein eingeschenkt. Aber da sie einmal „Hü“ gesagt hatten, musste nun auch das „Hott“ folgen.

Nach drei Nächten war die Grube fertig, und der Teufel ließ es darüber regnen, bis sie voll war. Und sie blieb voll den ganzen restlichen Sommer über, der noch sehr heiß wurde.

Als nun der Altweibersommer heran kam, erschien der Teufel und wollte seinen Lohn. Doch die Bauern verstanden es, ihn immer wieder mit allerlei Ausreden zu vertrösten. Sie überlegten derweil fieberhaft, wie sie es wohl anstellen könnten, dem Gehörnten nicht einen Teil ihrer guten Ernte geben zu müssen. Und wieder war es der Bauer Berz, der den rettenden Einfall hatte.

Sie bedungen sich beim Teufel noch die Zeit bis nach der Rüben- und Kartoffelernte aus. Der war auch einverstanden, denn so konnte er, wie er meinte, noch weit mehr von den Damsdorfern bekommen.

Die Bauern aber gruben einen Kanal von ihrem Wasserspeicher bis zu den Erdlöchern in der Klosterheide, unweit des großen Colpinsees, die jetzt leer waren, denn es war ein heißer Sommer gewesen. Sie gruben Tag und Nacht, und alle Knechte und Mägde, alle Männer, Frauen und sogar die Kinder mussten helfen. Als die Rübenernte heran kam, war der Kanal fertig. Sie machten den Durchstich, und als der Teufel am nächsten Morgen erschien, war alles Wasser aus dem Speicher gelaufen. Der Teufel entdeckte natürlich den Betrug, konnte aber nichts dagegen machen, denn sie hatten ja vereinbart, dass der Speicher bis in den Altweibersommer hinein gefüllt bleiben sollte, und das war er nun mal nicht. Weil er sich um seinen Lohn geprellt sah, wollte der Teufel das Loch wieder zuschütten. In seiner Hast bekam er jedoch nur wenig Erde zu fassen, die er voller Wut in die Grube warf.

So blieb den Damsdorfern der Wasserspeicher erhalten. Irgendwann erhielt er den Namen „Die Fenne“ und bietet noch heute an warmen Tagen eine willkommene Abkühlung. Die beiden kleinen Inseln in der Mitte der Fenne sind aus den Erdklumpen entstanden, die der Teufel in seiner Wut hineingeworfen hatte. Der Ablassgraben verfüllte sich im Laufe der Zeit. Die Erdlöcher jedoch, in die das viele Wasser abgeleitet worden war, die gibt es noch. Sie befinden sich zwischen der Autobahn, kurz vor der Anschlussstelle Lehnin und der Landstraße von Göhlsdorf nach Lehnin. Es ist das „Lange Fenn“ mit mehreren kleinen Teichen.

Dem Bauer Berz wurde ob seiner Gewitztheit und Schläue ein lebenslanger Sitz im Ältestenrat angetragen. Er hatte eine recht große Nachkommenschaft, und so verwundert es nicht, wenn noch heute der Name in Damsdorf und den umliegenden Orten vertreten ist.

 

Wolfgang Walther

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Das Damsdorfer Krötenweib

 

Vor langer Zeit, als Damsdorf noch Domestorp hieß, lebten dort ein Mann und eine Frau, die hatten neun Kinder. Sie besaßen ein schönes Haus, worin sie mit ihrem jüngsten Kind wohnten. Dessen acht Geschwister waren schon erwachsen und verheiratet und hatten sich im gleichen Dorf oder einem der Nachbarorte ein eigenes Haus gebaut.

Eines Tages starben der Mann und die Frau ganz plötzlich und ließen ihr Jüngstes allein mit dem großen Haus zurück. Nun hatten die beiden aber schon lange vor ihrem Tod bestimmt, dass ihr jüngstes Kind, weil es noch unerfahren und im Geiste nicht so recht beweglich war, das Haus erben und die Älteste ihr in allen Dingen behilflich sein sollte, denn die wohnte gleich nebenan. Nach einer kurzen Trauerzeit kamen alle neun Geschwister zusammen, um das Erbe zu regeln. Keiner hatte gegen die Festlegung der Eltern etwas einzuwenden, bis auf Käthe, die zweitälteste Tochter. Selbst schon eine erwachsene Frau und verheiratet, verlangte sie ihren Erbteil. Das ging aber nicht, und weil die Käthe mit dem Amtmann drohte, mussten die Geschwister das Elternhaus verkaufen und jedem seinen Erbteil auszahlen.

Das jüngste Kind, Irmchen genannt, kam bei seiner ältesten Schwester, der Annelie, und ihrer Familie unter. Dort hatte sie es gut. Natürlich erhielt die Annelie auch Irmchens Erbanteil, um ihn zu verwalten und zu mehren, denn Irmchen war ja noch ein Kind. Dies jedoch erboste Käthe, welche ja auf der Auszahlung bestanden hatte, derart, dass sie von Stund an mit keinem der Geschwister jemals wieder ein Wort sprach, denn sie hatte sich die Sache anders vorgestellt. Sie stichelte, wo sie nur konnte und redete allerorten schlecht über ihre Geschwister. Ihre zänkische und übelwollende Natur brachte sie im Laufe der Jahre sogar dahin, nicht nur ihren Geschwistern zu zürnen, sondern auch jenen Leuten, die das Elternhaus gekauft hatten. In ihrer Bosheit verstieg sie sich gar dazu, immerfort vor jenen Leuten auszuspucken, ganz gleich, wo sie ihnen begegnete. Lange Zeit trieb sie so ihr Unwesen und war bei allen Dorfbewohnern gefürchtet, wegen ihrer lästerlichen, gottlosen Reden, in die sie mit den Jahren immer mehr verfallen war.

Eines Tages geschah es, dass die Familie, die jenes besagte Haus bewohnte und in Ordnung hielt, sich zum Kirchgang fertig machte, denn es war Sonntag. Mann, Frau und ihre vier Kinder hatten sich fein angezogen, die Sonne schien, und es versprach, ein schöner Tag zu werden. Als die Familie nun auf ihrem Weg zur Kirche um die letzte Ecke bog, kam ihnen die Frau Käthe entgegen. Angetan mit einer schmutzigen Schürze und ebensolcher Strickjacke, die fettigen, langen, grauen Haare im Winde flatternd und ihre krumme Nase hochmütig in die Luft gestreckt, marschierte sie schnurstracks auf die erschrockene Familie zu, holte tief Luft und wollte eben eine ihrer Schimpftiraden von Stapel lassen, da sprang ihr eine hässliche, dicke Kröte aus dem Mund. Und der ersten Kröte folgte eine zweite, dann eine dritte und so weiter. Und jedes Mal, wenn die Alte den Mund aufmachte, um zu schimpfen oder gar versuchte zu spucken, sprangen ihr garstige Kröten aus dem Mund, so dass sie nur noch das „Krötenweib“ gerufen und alsbald aus dem Dorfe gejagt wurde, denn keiner wollte mit ihr noch etwas zu tun haben. Sie war, wie die Dorfbewohner  meinten, zu recht für ihre Bosheit gestraft worden.

Die Domestorper aber erinnerten sich noch lange Zeit an das Krötenweib und verkehrten forthin friedlich miteinander, und wenn dann doch einmal einer anfangen wollte zu schimpfen, hieß es: „Nun werd’ nicht krötig.“ Vielleicht rührt auch der Ausspruch: „Diese Kröte musst man schlucken“ aus jener Begebenheit. Bis heute jedenfalls hat sich die Bezeichnung „Giftkröte“ für besonders boshafte und zänkische Frauen gehalten.

 

Wolfgang Walther



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